
Ein Tropfen Zwiebelsaft reicht, um eine mit normalem Kopierpapier notierte Zutatenliste in einen unlesbaren Fleck zu verwandeln. Genau an diesem Punkt scheitern die meisten Versuche, Rezepte zu illustrieren, und zwar nicht an der Handschrift, sondern an Material und Struktur. Wer beim Sketchnotes-Lernen zuerst an schöne Buchstaben denkt, verwechselt kreatives Kochen mit einer reinen Handlettering-Praxis, und genau dieser Denkfehler hält viele davon ab, ihr eigenes Kochbuch überhaupt anzufangen.
Transparenzhinweis vorab: In diesem Text stecken Affiliate-Links zu Kursen, die bei mir am Küchentisch im Einsatz waren. Kaufst du darüber, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich Mehrkosten entstehen. Empfohlen wird hier nur, was sich zwischen Mehlresten und Tintenflecken bewährt hat.
Der Irrtum bei der Rezept-Illustration: Schöne Schrift reicht nicht
Der Irrglaube hält sich hartnäckig in Handlettering-Kreisen: Ein selbst gestaltetes Kochbuch brauche vor allem eine geübte, elegante Handschrift. Das Gegenteil stimmt. Eine Rezeptseite funktioniert am Herd nur, wenn die Reihenfolge der Schritte auf einen Blick erkennbar ist, und dafür zählt Struktur, nicht Schönschrift. Ein makellos kalligrafiertes Wort für "Salz" bringt wenig, wenn direkt daneben unklar bleibt, ob das Gemüse gedünstet oder direkt püriert wird.
Bevor ich bei Sketchnotes gelandet bin, hatte ich mir einen PDF-Schnellkurs zum Rezepte-Zeichnen heruntergeladen. Ausgedruckt habe ich ihn nie, nur einmal quer am Bildschirm gelesen, und so blieb er ungenutzt liegen, während sich die fettigen Zettel auf dem Tisch weiter stapelten. Ein Kurs, den man nie anfasst, hilft am Herd genauso wenig wie ein Kurs, der ausschließlich Schönschrift behandelt.
Sketchnotes lösen das Problem anders: Es geht nicht um Kunst, sondern um Information, und der bekannte Leitsatz von Mike Rohde, "Ideas not Art", hat mir erlaubt, den Anspruch an schöne Linien fallen zu lassen. Ein Kochtopf braucht kein Zeichentalent, nur ein Rechteck mit zwei Bögen als Griffe, und genau diese Reduktion trägt eine Rezeptseite zuverlässig durch die Hektik am Herd.
Fünf Grundformen ersetzen die Kalligrafie
Nach der Methode von Mike Rohde lässt sich fast alles, was man zeichnen will, auf fünf Grundformen zurückführen: Punkt, Linie, Kreis, Quadrat und Dreieck. Ein Topf wird zum Rechteck mit einer geraden Linie als Deckelgriff, eine Schüssel zu einem Halbkreis auf einer kurzen Standlinie, und ein Nudelholz bleibt einfach eine lange Linie mit zwei kleinen Kreisen an den Enden. Eine Zwiebel zeichne ich inzwischen nur noch als Kreis mit ein paar Strichen obendrauf, weil jede Detailtreue beim Kochen ohnehin sofort wieder aus dem Blick gerät.
Wie sich die perfekte Druckkurve beim Brush Pen aufbaut, ist ein eigenes, längeres Thema, das ich an anderer Stelle ausführlich durchgehe. Für die Küche zählt nur, dass die Linie überhaupt sitzt, bevor die nächste Zutat dran ist. Auch Ober- und Unterlängen, wie sie in der klassischen Buchstaben-Anatomie eine Rolle spielen, tauchen hier kaum auf, weil Symbole ohne jeden Anspruch an Schriftschönheit auskommen. Wer keinen Brush Pen zur Hand hat, kann Überschriften mit einem einfachen Fineliner nachträglich verdicken, aber Faux Calligraphy ist wieder eine eigene Technik mit eigenen Regeln.

Welches Papier hält Fett, Wasser und Zwiebelsaft aus?
In der Küche herrschen andere Bedingungen als am Schreibtisch. Normales Kopierpapier mit 80 g/m² hält keinem Wassertropfen stand: Es weicht sofort auf, und die Tinte wandert sichtbar auf die Rückseite durch. Für das Kochbuch-Projekt nutze ich deshalb ausschließlich hochweißes Papier ab 120 g/m². Das DIN A4 Maße bietet dabei genug Platz für eine klare Trennung zwischen Zutatenliste und Zubereitungsschritten.
Wasserfeste Fineliner sind in meiner Küche Pflicht, denn nicht-permanente Tinte verläuft schon, wenn ein feuchter Finger kurz über die Seite streift. Von den ultra-günstigen Fasermalern aus dem Drogerie-Regal bin ich weg, weil ihre Spitzen bei dem Druck, den ich beim Symbole-Zeichnen unbewusst ausübe, viel zu schnell ausfransen. Welches Papier zu welchem Stift überhaupt passt, ist noch mal eine eigene, längere Geschichte, genau wie die Frage, wie schnell sich ein Brush Pen beim täglichen Gebrauch abnutzt oder wie Tinte auf Untergründen jenseits von Papier hält. Eine Leserin namens Andrea Helbig hat mir vor einiger Zeit über das Kontaktformular geschrieben und testet ihre Stifte inzwischen fast so systematisch wie ich meine Papierbögen.

Der runde Tisch in meiner Altbauküche in Bonn-Beuel trägt inzwischen mehr Kratzer von der Schneidematte als von echten Mahlzeiten, und über ihm steht eine Reihe Tintengläser griffbereit im Regal. Nachmittags fällt Licht durch das Fenster zum Innenhof, abends übernimmt die Klemmleuchte, und wer mich dabei beobachtet, sieht garantiert irgendwann tintenverschmierte Finger über eine frisch gezogene Linie wischen, meistens mit einem leisen Fluch in Richtung der ruinierten Tischdecke.
Container, Symbole, Zeitangaben: Ordnung auf der Seite
Struktur auf der Seite entsteht bei mir über sogenannte Container, kleine Rahmen oder Sprechblasen, die zusammengehörige Informationen bündeln. Die Zutatenliste bekommt einen eigenen Kasten, getrennt vom Fließtext der Zubereitung, damit das Auge beim Kochen sofort weiß, wo es suchen muss. Für Akzente in unterschiedlichen Schriftstilen schaue ich manchmal in meinem Vergleich von Handlettering Alphabeten nach, allerdings sparsam, damit der Lesefluss nicht ins Stocken gerät.
Wenn ich heute ein frisches Skizzenheft aufschlage, weiß ich schon auf der leeren Seite, welchen Container ich zuerst ziehe: die Zutaten links, den Ablauf rechts, fertig. Eine größere Symbolbibliothek für Notizen jenseits der Küche baue ich mir an anderer Stelle auf, und auch wie klein sich Symbole zeichnen lassen, ohne beim Betrachten zu kippen, oder wie man eine ganze Karte statt nur einer Rezeptseite layoutet, sind eigene Kapitel für sich. Wie man dabei am Küchentisch sitzt, ohne sich nach einer Stunde den Rücken zu verrenken, gehört ebenfalls dazu, auch wenn ich das hier nur am Rand erwähne.
Sketchnotes-Kurs oder Digital Lettering: Wofür entscheiden?
Wer wirklich bei null anfängt und mit dem Zeichnen selbst hadert, sollte sich den /top/alt-2 ansehen. Der Kurs ist seit Jahren stabil auf dem Markt und konzentriert sich genau auf die Hierarchien und Symbole, die ein Kochbuch braucht. Anders als ein reiner Schrift-Kurs bringt er bei, Informationen nach Wichtigkeit zu ordnen, was praktisch ist, wenn etwa die Garzeit auf der Seite nicht untergehen soll. Wie unterschiedlich Kursanbieter ihre Module sonst aufbauen und wie viele Übungsseiten es bis zu sichtbarem Fortschritt braucht, ist eine eigene Rechnung, die vom gewählten Alphabet abhängt.
Meine Kollegin Ursula Kettner, mit der ich mich öfter über Übungsblätter austausche, hat komplett auf digitale Notizen umgesattelt und würde freiwillig kein Papier mehr anfassen. Für alle mit ähnlicher Vorliebe wäre der /top/alt-1 eine Überlegung wert, weil man dort den Umgang mit Ebenen lernt, was beim Layouten komplexer Rezeptseiten hilft. Für mein Kochbuch bleibt das trotzdem keine Option, weil ich es am Herd aufschlagen und notfalls mit einem feuchten Tuch abwischen können muss. Ob sich der Wechsel vom Papier aufs iPad überhaupt lohnt und was eine Übungsstunde auf die eine oder andere Art am Ende kostet, sind wieder eigene Rechnungen für sich.

Struktur vor Schönschrift: die eigentliche Regel
Die Regel, die daraus folgt, ist einfach: Leg den Brush Pen beim ersten Entwurf einer Rezeptseite beiseite und zeichne nur mit den fünf Grundformen. Wenn du danach noch weißt, welcher Schritt zuerst kommt, stimmt die Struktur, und die Schönschrift kannst du dir für die Widmung im Buch aufheben. Wer beim Aufbau der Szenen noch unsicher ist, findet im Vergleich für Reisetagebuch-Sketchnotes ähnliche Techniken, weil sich Abläufe beim Reisen und beim Kochen erstaunlich ähnlich darstellen lassen.
Ein selbst illustriertes Kochbuch bleibt ein Arbeitsgerät und kein Ausstellungsstück, und jeder Tintenfleck darin ist eher ein Gütesiegel als ein Makel, weil er zeigt, dass die Seite wirklich am Herd stand. Wer über die Küche hinaus mit Symbolen und visueller Hierarchie arbeiten will, findet im Sketchnotes Kurs für Notiz-Fans genau die Übung darin, Funktion vor Optik zu stellen. Bei mir war das der Punkt, an dem aus losen Skizzenblättern ein Kochbuch wurde, das sich wirklich benutzen lässt.