
Sketchnotes lernen: Braucht es dafür Talent zum Zeichnen?
Der Fineliner kratzt kurz über das Papier, dann steht das Wort "Frühling" fertig da, und zum ersten Mal fallen alle vier Grundstriche gleich breit aus. Ich halte kurz inne und schaue auf das Ergebnis, als könnte es sich noch ändern. Dieses Gefühl, dass eine Übung endlich sitzt, wollte ich Monate später wiederfinden, allerdings nicht beim Handlettering, sondern beim Lernen fürs Studium. Sketchnotes lernen hieß bei mir am Ende, denselben Mechanismus – üben, bis eine Bewegung automatisch sitzt – auf ganze Vorlesungsinhalte zu übertragen statt auf einzelne Buchstaben. Aus der Frage, wie man das systematisch anstellt, sind bei mir sechs Punkte übrig geblieben, die ich seitdem jedem beantworte, der nach einer Lerntechnik mit visuellen Notizen für die Studienorganisation fragt.
Nein, denn im Sketchnotes Kurs geht es nicht um Kunst, sondern um Tempo beim Zuhören. Klassisches Studieren bedeutete bei mir jahrelang, Textstellen mit einem Leuchtmarker anzustreichen und zu hoffen, dass sich Zusammenhänge zwischen einzelnen Marketing-Modellen von selbst sortieren. Sie taten es nicht. Ein Credit nach dem European Credit Transfer and Accumulation System steht rechnerisch für rund 30 Arbeitsstunden, und wer diese Zeit neben einem Teilzeit-Job aufbringt, will am Ende nicht nochmal von vorne anfangen. Als Kriterium reicht mir mittlerweile: Passt eine Form in unter drei Sekunden aufs Papier, taugt sie fürs Mitschreiben in Echtzeit, alles andere kostet zu viel von der Aufmerksamkeit, die eigentlich dem Vortrag gehört.
Wenn Perfektionismus die Lerntechnik blockiert
Perfektionismus ist dabei der größte Bremsklotz, nicht fehlendes Zeichentalent. Anfangs habe ich versucht, jedes Icon so sauber wie ein Logo zu gestalten, komplett mit Schattenwurf, bis ich sieben Minuten an einem einzigen Buch-Icon saß und der Dozent währenddessen drei Folien weitergeklickt hatte. Genau diesen Mechanismus beschreibt die Dual-Coding-Theorie: Text und Bild helfen sich nur gegenseitig, wenn beide Kanäle dieselbe Botschaft tragen, statt um Aufmerksamkeit zu konkurrieren. Hässliches, aber schnelles Strukturieren schlägt hübsches Illustrieren fast immer. Als Faustregel gilt bei mir seitdem: Sobald ein Icon länger dauert als der gesprochene Satz, den es festhalten soll, ist es zu detailliert.

Das visuelle Alphabet: fünf Grundformen statt hundert Icons
Fünf Grundformen ersetzen bei dieser Technik das gesamte Symbol-Sortiment: Punkt, Linie, Kreis, Dreieck, Quadrat, mehr braucht das sogenannte visuelle Alphabet nicht, und genau das ist der eigentliche Unterschied zum alten Textmarker-System. Für ein Zahnrad reichen zwei Kreise und drei kurze Striche, für einen Prozess ein Pfeil aus zwei Linien, für ein Zitat ein Rechteck mit angeschnittener Ecke. Wer stattdessen jedes Konzept realistisch abbilden will, verliert beim Zeichnen den Anschluss an den Vortrag, weil die Hand nicht so schnell ist wie das gesprochene Wort. Eine größere Bibliothek an Symbolen aufzubauen ist danach ein eigenes Kapitel, das über diese fünf Grundformen für den Studieneinsatz hinausgeht, und mit der klassischen Buchstaben-Anatomie aus dem Handlettering, Ober- und Unterlängen, Serifen, Schwünge, hat das ohnehin nichts zu tun. Als Test reicht mir mittlerweile: Sobald ich für einen neuen Begriff länger als zwei Sekunden über die Form nachdenken muss, ist er noch nicht in eine der fünf Grundformen übersetzt, und ich vereinfache weiter.
Welcher Stift hält dem Tempo einer Vorlesung stand?
Weiche Filzstifte aus dem Brush Lettering sind für dieses Tempo ungeeignet, weil sich die Spitze bei hoher Schreibgeschwindigkeit schneller abnutzt, als man beim Kauf denkt, ein Brush Pen ist für kontrollierte, langsame Schwünge gebaut, nicht für hektisches Mitschreiben. Ein harter 0,5-mm-Fineliner verzeiht dagegen keine zittrige Hand, zwingt aber genau dadurch zu klareren Linien. Christine aus unserem Kreativ-Stammtisch würde jetzt ohnehin sagen, dass sich das nicht am Datenblatt entscheidet, sondern nur beim Ausprobieren mehrerer Stifte an einem echten Vorlesungsmitschrieb zeigt. Ob ein Stift überhaupt zum jeweiligen Papier passt, ist eine Wissenschaft für sich, aber als Faustregel merke ich mir: Franst die Spitze schon nach einer einzigen neunzigminütigen Vorlesung sichtbar aus, kommt der Stift nicht in die zweite Runde.

Papier, Kursaufbau und die Frage nach der Übungszeit
Papier mit ungefähr 120 Gramm pro Quadratmeter gibt dem Fineliner genug Widerstand für schnelle, kontrollierte Linien, Kopierpapier mit 80 Gramm ließ bei mir die Tinte durchscheinen, sobald ich im Tempo einer Vorlesung schrieb, und ruinierte gleich die nächste Seite mit. Wer sich für die organisatorische Seite interessiert, findet in meinem Beitrag über Sketchnotes für die Selbstorganisation mehr dazu, wie sich dieselbe Technik auf die eigene Planung übertragen lässt. Wie unterschiedlich einzelne Kurse dabei aufgebaut sind, manche mit festen Übungsblättern, andere eher offen, wäre nochmal ein eigener Vergleich, und was so ein Kurs am Ende pro Übungsstunde tatsächlich kostet, rechnet sich ohnehin jeder anders aus.
Wie man dabei am Küchentisch sitzt, ohne nach zwei Stunden Nackenschmerzen zu haben, ist ebenfalls ein eigenes Thema, das ich hier nicht aufmache. Genauso wenig geht es um die Frage, wie man eine ganze Seite sinnvoll aufteilt, mit Rand, Überschrift und Platz für Ergänzungen, das ist eher eine Layout-Frage als eine Studienfrage. Meinen Esstisch erkennt man mittlerweile an den Tintenflecken, die sich neben den alten Schnittspuren in die Holzmaserung eingearbeitet haben, und an der Klemmleuchte, die ich abends anknipse, sobald es im Innenhof dunkel wird. Ob man die fertigen Notizen später aufs Tablet überträgt oder komplett analog bleibt, ist wieder eine andere Rechnung, für mich blieb Papier der Favorit, weil die haptische Rückmeldung beim Verarbeiten komplexer Theorie half. Wer trotzdem mit dem Gedanken spielt, ganz aufs Tablet umzusteigen, findet dazu mehr in meinem Vergleich zum Sketchnotes Kurs auf dem iPad.

So prüfst du, ob die Sketchnote wirklich sitzt
Ob eine Sketchnote wirklich funktioniert, zeigt sich nicht beim Zeichnen selbst, sondern ein paar Tage später: Buch zu, Vorlesungsfolien zu, nur die eigene Seite vor sich, wenn sich daraus der Gedankengang rekonstruieren lässt, hat die Notiz ihren Zweck erfüllt, wenn nicht, war es nur hübsches Kritzeln. Eine App mit täglichen Challenges sollte mir früher beim Dranbleiben helfen, nach zehn Tagen hatte ich sie schlicht vergessen, weil eine Erinnerung auf dem Handy eben nicht dasselbe ist wie ein Stift, der schon griffbereit auf dem Tisch liegt. Meine Nachbarin Elisabeth übt seit einiger Zeit mit der Zeichenfeder, jeden Tag ein bisschen, aber nie länger als zwanzig Minuten am Stück, und genau darin liegt vermutlich der Punkt: Übungsvolumen zählt mehr als Übungsdauer an einem einzigen Abend. Wenn ich zwischendurch den Kopf freibekommen muss, drehe ich eine Runde durch den Rheinauenpark, komme zurück an den Tisch und sehe die eigene Seite mit frischem Blick, was oft mehr bringt als weiteres Nachbessern. Am Ende zählt nicht, wie hübsch die Seite aussieht, sondern ob sie beim zweiten Blick noch trägt.