
Spät abends am Küchentisch versuchte ich, eine Projektidee für meine Bonner Agentur zu skizzieren. Meine Brush-Lettering-Schnörkel, die ich seit 2023 fleißig übe, sahen zwar hübsch aus, aber sie vermittelten keine Struktur. Die verschnörkelten Buchstaben nahmen zu viel Platz ein, und die eigentliche Botschaft ging in dekorativen Schleifen unter. In diesem Moment wurde mir klar, dass hübsche Schrift allein nicht reicht, wenn man komplexe Abläufe visualisieren will. Ich brauchte ein System, das Ordnung schafft, ohne dass ich dafür ein komplettes Kunststudium absolvieren muss.
Vom Schönschreiben zum schnellen Skizzieren
Anfang Dezember entschied ich mich daher, meine systematische Testreihe auf Sketchnotes auszuweiten. Mein Ziel war es, die visuelle Sprache so zu lernen, wie ich es beim Lettering getan hatte: Schritt für Schritt, mit klarem Fokus auf die Praxistauglichkeit. Der Übergang von den langsamen, fast meditativen Strichen des Brush Letterings zum schnellen, reduzierten Zeichnen fühlte sich anfangs seltsam ungelenk an. Beim Lettering kontrolliere ich jeden Millimeter des Auf- und Abstrichs. Bei Sketchnotes hingegen geht es um Tempo und Erkennbarkeit. Wer hier versucht, jede Linie perfekt zu ziehen, hat das Prinzip der visuellen Notizen noch nicht verstanden.
Ich habe in den ersten zwei Wochen etwa zehn Stunden damit verbracht, einfache Formen zu wiederholen. Dabei fiel mir auf, dass die Handhaltung eine völlig andere ist. Während ich beim Brush Lettering oft den ganzen Unterarm bewege, kommen die kurzen, prägnanten Linien der Sketchnotes eher aus den Fingern und dem Handgelenk. Es ist ein kontrolliertes Gekritzel, das einer logischen Struktur folgt. Für jemanden, der sonst viel Zeit damit verbringt, Buchstabenkanten mit dem Fineliner zu korrigieren, war das eine enorme Umstellung.

Das Material: Warum mein gewohntes Papier plötzlich zu glatt war
Für meine Lettering-Versuche nutze ich meist sehr glattes Papier, um die empfindlichen Pinselspitzen zu schonen. Für die Sketchnotes-Grundlagen griff ich zu einem Block im klassischen DIN A4 Papierformat, also 210 x 297 mm. Eine Grammatur für Brush-Marker von etwa 120 g/m² hat sich dabei als ideal erwiesen. Das Papier ist fest genug, damit die Tinte nicht durchschlägt, aber glatt genug, damit der Stift nicht kratzt. Trotzdem bemerkte ich ein leises Quietschen der Filzspitze auf dem glatten 120g-Papier, während die erste saubere Glühbirne gelang. Dieses Geräusch ist für mich mittlerweile untrennbar mit dem Lernprozess verbunden.
Bei den Stiften habe ich mich auf einen Standard-Fineliner mit einer Strichstärke von 0.5 mm festgelegt. Diese Breite ist ideal, um sowohl kleine Texte als auch einfache Icons zu zeichnen, ohne dass die Linien bei komplexeren Symbolen ineinanderlaufen. Ein Stift, den ich nach wenigen Tagen aussortiert habe, war ein wasserlöslicher Marker mit einer zu weichen Spitze. Er blutete auf dem Papier zu sehr aus und machte die schnellen Striche matschig. In der Welt der Sketchnotes ist Präzision wichtiger als künstlerischer Ausdruck, und ein zu weicher Stift verzeiht kein Zögern.
Die erste Hürde: Das Visuelle Alphabet
Während der dunklen Januartage arbeitete ich mich durch das Konzept des visuellen Alphabets. Es basiert auf 5 Grundelementen: Punkt, Linie, Kreis, Dreieck und Quadrat. Diese Systematik, die unter anderem durch Mike Rohde bekannt wurde, ist der Schlüssel für jeden Hobby-Zeichner ohne Vorkenntnisse. Man lernt, die Welt nicht als komplizierte Objekte zu sehen, sondern sie in diese Grundformen zu zerlegen. Eine Kaffeetasse ist dann nur noch ein Quadrat mit einem angefügten halben Kreis als Henkel.
Trotz der theoretischen Einfachheit gab es frustrierende Momente. Der Augenblick, als mein Versuch, einen motivierten Kollegen zu zeichnen, eher wie ein trauriger Kartoffelsack aussah, gehört zu meinen persönlichen Tiefpunkten am Küchentisch. Ich hatte versucht, zu viele anatomische Details einzubauen, anstatt bei den simplen Strichmännchen-Grundlagen zu bleiben. Sketchnoting unterscheidet sich vom Graphic Recording primär durch das Format und die Geschwindigkeit – es ist für das eigene Notizbuch gedacht, nicht für die meterlange Wand bei einer Konferenz. Dieser Fokus auf das Wesentliche ist schwerer zu lernen als die eigentliche Zeichentechnik.
Falls man ohnehin schon digital arbeitet, lohnt sich ein Blick auf die Möglichkeiten des Tablets. Ich habe festgestellt, dass die Übungseinheiten auf dem iPad oft schneller gehen, weil man Fehler sofort rückgängig machen kann, ohne das Papier zu ruinieren. Wer sich dafür interessiert, findet in meinem Bericht über Sketchnotes lernen auf dem iPad eine gute Orientierung, welche digitalen Kurse den Einstieg erleichtern.

Der Aha-Moment zwischen Telefonat und Deadline
Nach etwa sechs Wochen Übung kam der Moment, in dem die Technik plötzlich klickte. Ich saß in einem Telefonat mit einem Kunden und notierte mir die Anforderungen. Instinktiv zeichnete ich ein kleines Icon für eine Deadline – eine stilisierte Stoppuhr aus einem Kreis, zwei Strichen und einem kleinen Rechteck obenauf. Es dauerte keine drei Sekunden, und ich wusste sofort beim späteren Hinsehen, was gemeint war. In diesem Moment verstand ich: Es geht um Kommunikation, nicht um Kunst.
Wissenschaftlich lässt sich das mit dem Konzept des Dual Coding erklären. Informationen werden besser behalten, wenn sie sowohl verbal als auch visuell verarbeitet werden. Für mich als Grafikerin ist das eigentlich logisch, aber es selbst in den eigenen Notizen anzuwenden, ist eine andere Ebene. Mein Küchentisch ist zwar regelmäßig mit Tinte vollgekleckert und meine Finger sind oft schwarz verschmiert, aber die Klarheit in meinen Projektnotizen hat sich massiv verbessert. Ich verbringe nun etwa 20 Minuten pro Abend damit, Icons in mein Vokabelheft für Zeichnungen einzutragen – ganz ohne den Druck, dass es perfekt aussehen muss.
Zeitaufwand und Lernkurve: Was sechs Wochen wirklich bringen
An einem verregneten Sonntag im Mai habe ich meine Fortschrittstabelle ausgewertet. Ich hatte bis dahin etwa 45 Stunden in den Grundlagenkurs und freie Übungen investiert. Mein Fazit ist nüchtern: Man braucht keine zeichnerische Begabung, aber man braucht System. Wer versucht, Sketchnotes wie kleine Kunstwerke zu behandeln, scheitert an der Geschwindigkeit des Alltags. Mein wichtigstes Learning war, den Perfektionismus abzulegen, den ich mir beim Lettering mühsam antrainiert hatte.
Hier ist eine kurze Zusammenfassung meiner Beobachtungen nach sechs Monaten:
- Die ersten 10 Stunden sind die frustrierendsten, da das Gehirn noch versucht, realistisch zu zeichnen.
- Ab Stunde 20 beginnt man, Symbole ohne Nachzudenken zu kombinieren.
- Ein Fineliner mit 0.5 mm Spitze ist das Arbeitspferd; alles andere ist Spielerei für den Anfang.
- Die 5 Grundelemente des visuellen Alphabets reichen für 90 % aller Business-Icons aus.
Wer diese Grundlagen beherrscht, kann sie auf viele Bereiche anwenden. Ich nutze die Technik mittlerweile sogar für meine Urlaubsplanung. Es ist eine wunderbare Art, Erinnerungen festzuhalten, die über ein einfaches Foto hinausgehen. In meinem Vergleich der Sketchnotes für das Reisetagebuch beschreibe ich, wie man die schnellen Icons nutzt, um unterwegs Eindrücke festzuhalten, ohne den Anschluss an die Reisegruppe zu verlieren.
Fazit: Kommunikation schlägt Kunst
Vergiss das ständige Üben von Schönschrift, wenn du mit Sketchnotes beginnst. Wer für Sketchnotes perfekt zeichnen will, verliert den Fokus auf den eigentlichen Zweck der schnellen Informationsvisualisierung. Es geht darum, Gedanken festzuhalten und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Ein Kreis, der ein wenig eiert, erfüllt seinen Zweck genauso gut wie ein perfekter Zirkelschlag, solange er als Teil einer Glühbirne eine Idee symbolisiert.
Für mich hat dieser Grundlagenkurs die Brücke zwischen meinem kreativen Hobby und meinem beruflichen Alltag geschlagen. Die Zeit am Küchentisch, zwischen Tintenflecken und ruinierten Tischdecken, hat sich gelohnt. Nicht, weil ich jetzt schönere Bilder male, sondern weil ich schneller verstehe und besser erkläre. Wer bereit ist, den Kartoffelsack-Moment zu überstehen und einfach weiterzukritzeln, wird mit einer völlig neuen Art des Denkens belohnt.