Sketchnotes Kurs für den Feierabend: Kreativ abschalten nach dem Bürojob

Sketchnotes Kurs für den Feierabend: Kreativ abschalten nach dem Bürojob

Es war einer dieser späten Abende im November, an denen der Kopf noch Stunden nach dem Verlassen der Bonner Agentur in einem Loop aus Kundenfeedback und Abgabeterminen feststeckt. Während draußen der Regen gegen die Küchenfenster schlug, saß ich am Tisch und starrte auf ein leeres Blatt. Nach über einem Jahr systematischem Brush Lettering merkte ich, dass mir das reine Zeichnen von Buchstaben nicht mehr reichte. Ich suchte nach einer Methode, die Gedanken des Arbeitstages nicht nur zu parken, sondern visuell zu sortieren, ohne dabei den Anspruch einer Künstlerin erfüllen zu müssen. Ein Sketchnotes-Kurs schien die logische Erweiterung zu sein.

Der Einstieg erfolgte nüchtern und ohne große Erwartungen an meine zeichnerischen Fähigkeiten. Sketchnoting wird oft als 'einfaches Zeichnen' missverstanden, doch in der Praxis geht es um Informationsverarbeitung. Das Ziel ist nicht das Kunstwerk, sondern die visuelle Notiz. Mein Fokus lag dabei auf der Frage, ob ein strukturierter Kurs mir helfen könnte, den Schalter im Gehirn nach acht Stunden Bildschirmarbeit endgültig umzulegen. Die ersten Übungen konzentrierten sich auf das Fundament, das oft Mike Rohde zugeschrieben wird: das visuelle Alphabet.

Das Fundament: Fünf Formen und ein Fineliner

Jeder Anfang am Küchentisch beginnt bei mir mit der Materialprüfung. Für den Kurs hatte ich mir einen Dokumenten-Fineliner mit einer Strichstärke von 0.5 Millimetern zurechtgelegt. Es gibt dünnere Spitzen, aber die 0.5mm-Variante bietet genug Widerstand auf dem Papier, um die Linienführung bewusst zu spüren. Das Papier selbst ist ein kritischer Faktor. Ich verwende mittlerweile ausschließlich gestrichenes Papier mit einem Gewicht von mindestens 120 Gramm pro Quadratmeter. Bei dünnerem Kopierpapier bluten die Marker, die später für die Schattensetzung dazukommen, unweigerlich durch und ruinieren die darunterliegenden Seiten oder schlimmstenfalls die Tischdecke.

Nahaufnahme der fünf Grundformen des visuellen Alphabets auf weißem Papier.

Die erste Lektion des Kurses war die Reduktion auf das Wesentliche. Alles, was wir sehen, lässt sich laut dem Konzept der Sketchnotes auf 5 Grundformen reduzieren: Punkt, Linie, Kreis, Dreieck und Quadrat. Zu Beginn fühlte es sich fast banal an, diese Formen wiederholt zu zeichnen. Doch genau hier setzt die Entspannung ein. Es ist das leise, rhythmische Kratzen der feinen Metallspitze des 0.5mm-Stifts auf dem glatten 120g-Papier in der stillen Küche, das die Geräusche des Tages verblassen lässt. Man konzentriert sich auf die Geometrie, nicht auf die Ästhetik.

Ein interessanter Aspekt, den ich Anfang Januar beobachtete, war mein eigener Perfektionismus. In vielen kreativen Ratgebern heißt es, man solle den Perfektionismus ablegen. Ich sehe das anders. Für mich war der Versuch, einen Kreis wirklich rund zu schließen oder eine Linie exakt parallel zu setzen, die notwendige Reibung. Diese Konzentration zwingt das Gehirn, aus dem passiven Konsummodus oder dem grübelnden Analysemodus der Arbeit auszusteigen und in einen aktiven Lernmodus zu wechseln. Die Anstrengung, es 'richtig' zu machen, ist genau das, was die mentale Erholung einleitet.

Struktur und visuelle Hierarchien im Selbsttest

Nach etwa sechs Wochen täglicher Praxis, meist nicht länger als zwanzig bis dreißig Minuten vor dem Schlafengehen, verlagerten sich die Kursinhalte von Einzelformen zu Strukturen. Wie verbindet man Informationen? Container, Pfeile und einfache Figuren traten an die Stelle von bloßen Schlagworten. Ich lernte, wie wichtig der Weißraum auf dem Papier ist. Ein überladenes Blatt erzeugt im Kopf die gleiche Unruhe wie ein voller Posteingang. Die Technik des 'Dual Coding' kam hier zum Tragen. Die Duale Kodierungstheorie besagt, dass wir Informationen besser behalten, wenn sie sowohl verbal als auch bildlich verarbeitet werden.

In dieser Phase bemerkte ich eine physische Veränderung während des Übens. Es ist das bewusste Lockern des Kiefers und das Absinken der Schultern, sobald der erste Rahmen um ein Schlagwort gezogen ist. Der Prozess des Einrahmens scheint das Thema im Kopf abzuschließen. Ich habe in dieser Zeit verschiedene Marker für die Schattierung ausprobiert. Ein helles Grau reicht meist aus, um den flachen Zeichnungen Tiefe zu verleihen. Wichtig ist hier die Trocknungszeit des Fineliners; wer zu schnell mit dem Marker über die 0.5mm-Linie fährt, verschmiert die Pigmente und erzeugt einen unsauberen Look, der mich persönlich eher stresst als beruhigt.

Vergleich von strukturierten Sketchnotes mit Schatteneffekten in einem Notizbuch.

Während ich mich durch die Module arbeitete, stellte ich fest, dass die systematische Herangehensweise eines Kurses den Frustmoment minimiert. Ohne Anleitung neigt man dazu, zu komplexe Symbole zeichnen zu wollen. Ein guter Kurs bricht eine Glühbirne oder ein Zahnrad in drei einfache Striche herunter. Das nimmt den Druck, zeichnen 'können' zu müssen. In meinem Blog habe ich bereits darüber geschrieben, wie Sketchnotes für die Selbstorganisation genutzt werden können, was eine hervorragende Ergänzung zu den rein kreativen Übungen am Abend darstellt.

Vom Küchentisch zurück in die Agentur

Vor ein paar Tagen im Juni blickte ich auf meine gesammelten Notizbücher der letzten Monate zurück. Was als reines Feierabend-Ritual zum Abschalten begann, hatte schleichend meinen Arbeitsalltag verändert. In Meetings begann ich, die besprochenen Inhalte live mitzuskizzieren. Anstatt langer Textwüsten in meinen Notizen hatte ich plötzlich klare Hierarchien aus Containern und Verbindungslinien. Das half nicht nur mir, sondern auch meinen Kollegen, da ich komplexe Zusammenhänge in der Kundenkommunikation schneller visualisieren konnte.

Der Kurs hat mir gezeigt, dass die Trennung zwischen 'kreativer Auszeit' und 'produktiver Arbeit' gar nicht so strikt sein muss. Die investierte Zeit am Wochenende oder späten Abend zahlte sich durch eine höhere Klarheit im Job aus. Der Stundenaufwand war überschaubar: etwa zwei bis drei Stunden pro Woche, verteilt auf kleine Einheiten. Wer erwartet, nach einer Woche perfekte Bildvokabeln im Kopf zu haben, wird enttäuscht. Es ist ein Prozess des Vokabellernens, nur eben mit Stift statt mit Karteikarten.

Mein Fazit nach über einem halben Jahr Tracking und Übung fällt positiv aus. Sketchnotes sind für mich das ideale Werkzeug, um den Kopf zu leeren, weil sie die volle Aufmerksamkeit fordern, ohne zu überfordern. Man braucht kein teures Equipment, nur einen verlässlichen Stift, das richtige Papiergewicht und die Bereitschaft, den Agenturalltag in 5 Grundformen zu zerlegen. Der Küchentisch wird zwar weiterhin regelmäßig mit Tinte vollgekleckert, aber die Ordnung auf dem Papier spiegelt sich mittlerweile auch in meinem Kopf wider.