
Wie viele Wochenenden braucht ein Handlettering-Kurs, bis sich die Hand anders anfühlt als beim ersten Versuch mit dem Brush Pen? Diese Frage hat mich nicht mehr losgelassen, seit ich nach einem Workshop im Urlaub angefangen habe, jeden Abend am Küchentisch zu üben. Der folgende Brush-Lettering-Vergleich sammelt, was ich zwischen Handlettering-Kurs, Digital Lettering und Sketchnotes tatsächlich beobachtet habe, nicht das, was auf der Verkaufsseite eines Kurses steht.
Bevor es weitergeht, ein kurzer Transparenz-Hinweis: Manche Links in diesem Vergleich sind Affiliate-Links. Bucht jemand darüber einen Kurs, bekomme ich eine Provision, ohne dass für dich ein Cent mehr fällig wird. Empfohlen wird hier ausschließlich, was ich über Monate am eigenen Tisch durchgearbeitet und in meinen Tabellen ausgewertet habe.
Kursvergleich beginnt am Küchentisch, nicht auf der Verkaufsseite
Getestet wird immer am selben runden Tisch in der Altbauwohnung in Bonn-Beuel, dessen Holzoberfläche inzwischen mehr Schneidematten-Kratzer als Lack zeigt. Über dem Tisch hängt eine Regalzeile mit sortierten Tintengläsern und Federrollen, und das Fenster zum Innenhof liefert nachmittags noch Licht, bevor abends die Klemmleuchte übernimmt. Ein wirklich systematischer Kursstruktur-Vergleich bräuchte eine eigene Checkliste mit Kriterien für Aufbau, Tempo und Feedback – die spare ich mir an dieser Stelle und beschränke mich auf das, was ich in drei konkreten Kursen erlebt habe.
Ursula Kettner, meine Kollegin aus der Agentur, fragt bei jedem neuen Kurs zuerst nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis, bevor sie sich überhaupt die Kursbeschreibung durchliest. Genau diese Nüchternheit fehlte mir am Anfang: Vor meinem ersten richtigen Kurs hatte ich wochenlang YouTube-Tutorials geschaut, ohne ein einziges Mal selbst den Stift anzusetzen, und stand am Ende trotzdem bei null. Welches Papier zu welchem Stift passt, ist eine eigene Geschichte für sich. Ich bleibe inzwischen bei glattem Papier ab 90g/m² Grammatur, weil dünneres Papier den Spitzen nicht guttut, und lasse es dabei bewenden.

Handlettering-Kurs: Grundstriche vor Schnörkeln
Der klassische Handlettering Kurs von Timothy90 war mein Einstieg, und hier dreht sich fast alles um den Aufbau der Kalligrafie-Grundlagen: erst der Aufstrich ohne Druck, dann der Abstrich mit vollem Druck. Diese Druckkurve – der Übergang vom leichten Aufstrich zum vollen Abstrich – ist der Kern der Technik, aber wie man sie im Detail übt, ist ein eigenes Thema für sich. Sechs Wochen intensives Üben hat es bei mir gedauert, bis der Übergang in der Kurve nicht mehr wie ein geknickter Strohhalm aussah. Ich erinnere mich genau an den Abend, an dem ich ein frisches Heft aufschlug und sofort wusste, mit welcher Seite ich anfangen wollte, ohne erst zu überlegen, welche Übung als nächstes drankommt.
Was diesen Kurs auszeichnet, ist die Zerlegung der Buchstaben in einzelne Ovale und Striche, bevor überhaupt ein ganzes Wort verlangt wird. Man übt Bausteine, nicht Buchstaben. Timothy90 hostet die Inhalte seit Jahren stabil über Digistore24, was den Zugriff auch nach Monaten unkompliziert macht. Meine Brush Pens nutzen sich bei diesem Pensum sichtbar schneller ab als bei gelegentlichem Gebrauch, was ich inzwischen einfach einkalkuliere. Wer sofort ganze Sprüche für Instagram gestalten will, wird hier enttäuscht, denn es geht ums Handwerk, nicht um schnelle Ergebnisse. Rückenschmerzen beim Handlettering vermeiden würde ich trotzdem als Pflichtlektüre bezeichnen, weil man sich über dem Papier schneller verkrampft, als man denkt.
Mit Apple Pencil auf Glas: Das iPad-Experiment
An einem regnerischen Wochenende habe ich den Wechsel gewagt und den Digital Lettering Kurs gebucht, der komplett anders tickt als das analoge Üben am Küchentisch. Ein iPad und ein Apple Pencil sind Pflicht, und schon in den ersten zwanzig Minuten merkt man, wie fremd sich das anfühlt: Die glatte Glasoberfläche bietet kaum Widerstand, was die Linienführung anfangs unruhig macht. Ob sich die analoge Übung überhaupt aufs Tablet übertragen lässt, ist eine eigene Frage; bei mir hat es funktioniert, aber erst, nachdem ich die ersten Übungen bewusst langsamer als gewohnt gezeichnet habe.
Der Vorteil zeigt sich vor allem im Job: In Procreate mit Ebenen zu arbeiten erlaubt Korrektionen, für die auf Papier eine neue Tischdecke nötig gewesen wäre. Der Kurs deckt Brush-Settings und den kompletten Export-Workflow ab und eignet sich für alle, die fertige Designs für Kunden oder den Druck brauchen. Wer das leise Kratzen einer Feder auf Papier sucht, wird hier nicht glücklich, und ohne die Gruppe eines Workshops im Rücken drückt man bei einem missratenen Schwung schneller auf Rückgängig, als die Technik wirklich zu üben.

Sketchnotes bringt Struktur vor Schönschrift
Überrascht hat mich der Sketchnotes Kurs, den ich eigentlich nur wegen schönerer Handschrift gebucht hatte. Er hat meinen Agenturalltag stärker verändert als die anderen beiden Kurse zusammen: Es geht nicht um die perfekte Serife, sondern um Symbole, Container und Hierarchien, mit denen sich Meetings visuell statt in Textwüsten protokollieren lassen. Schon in der ersten Woche im Job habe ich damit mehr Klarheit in Besprechungen gebracht als in Monaten vorher.
Wer wissen will, wie man seinen eigenen Handlettering Stil finden kann, bekommt hier weniger Schnörkel-Inspiration, dafür umso mehr Struktur. Gearbeitet wird ausschließlich mit dem Fineliner, kein Brush Pen im Spiel – wer partout keinen Brush Pen anfassen will, kann sich stattdessen mit Faux Calligraphy behelfen, aber das ist ein eigenes Kapitel für sich. Der Kurs verzichtet auf Motivations-Jargon, was mir entgegenkommt, und funktioniert eher wie ein Werkzeugkasten als wie ein Kunststudium.
Drei Kurse, drei Fortschrittskurven im Vergleich
Nach Monaten und hunderten Seiten Übungspapier lässt sich der Unterschied zwischen den drei Kursen ziemlich nüchtern zusammenfassen. Wie viel Übungsvolumen zu wie viel sichtbarem Fortschritt führt, ist eine eigene Rechnung, die an anderer Stelle im Detail aufgeschlüsselt gehört – hier reicht der Blick auf das Wesentliche: Jeder Kurs bedient ein anderes Bedürfnis am Küchentisch. Dazu kommt, dass Handlettering und Sketchnotes zwar dieselben Fachbegriffe für die Buchstaben-Anatomie verwenden, aber unterschiedliche Proportionen davon als richtig gelten, was verwirrend ist, wenn man zwischen beiden Kursen hin- und herspringt.
| Kurs-Typ | Fokus | Zeitaufwand bis zum 'Klick' | Materialkosten |
|---|---|---|---|
| Handlettering | Handwerk & Technik | ca. 40-50 Stunden | Gering (Stifte/Papier) |
| Digital Lettering | Workflow & Design | ca. 20 Stunden (bei Vorwissen) | Hoch (iPad/Pencil) |
| Sketchnotes | Struktur & Info | ca. 10-15 Stunden | Minimal (Fineliner) |
Mein Fazit fällt nüchtern aus: Wer die ruhige Handwerksarbeit sucht und von Grund auf lernen will, bleibt beim klassischen Handlettering Kurs – es ist die ehrlichste Form des Lernens, auch wenn dabei öfter Tinte an den Fingern kleben bleibt, die man erst abends beim Abwasch wieder loswird. Das iPad eignet sich eher für Profis oder Technik-Fans, während Sketchnotes der pragmatische Alltagshelfer bleibt. Andrea Helbig, eine Leserin, die mir öfter Fotos ihrer Übungsblätter schickt, hat neulich gefragt, mit welchem der drei Kurse sie anfangen soll – meine Antwort war immer dieselbe: Fang mit dem Kurs an, dessen Fokus zu dem passt, was du eigentlich willst, nicht zu dem, was gerade im Trend liegt. Kein Videokurs der Welt führt am Ende den Stift für dich, egal wie gut die Lektionen aufbereitet sind.