
4096 Druckstufen registriert ein Apple Pencil – genutzt habe ich davon am Anfang vermutlich ein Zehntel, der Rest blieb reine Software-Theorie. Genau diese Lücke zwischen Hardware und tatsächlicher Nutzung hat mich tiefer ins Digital Lettering gezogen, konkret in die Frage, ob man seine Procreate-Brushes besser selbst baut oder ob fertige Sets beim Lettering lernen auf dem iPad schneller zum Ziel führen.
Andrea Helbig, eine Leserin, die mir vor einiger Zeit über das Kontaktformular geschrieben hat, wollte genau das wissen: Lohnt sich das Selbstbauen von Pinseln überhaupt, oder ist das nur eine weitere Zeitfalle für Technik-Fans? Sie vergleicht grundsätzlich lange, bevor sie irgendetwas kauft, und ihre Nachricht bestand fast nur aus Gegenfragen. Als Grafikerin mit einem Teilzeitjob in einer Bonner Agentur kenne ich den Wunsch nach einer klaren Antwort gut, deshalb habe ich beide Wege parallel durchgespielt, bevor überhaupt ein Pinsel fertig war.
Zwei Wege zum eigenen Procreate-Pinsel: Bauen oder kaufen

Wer professionelle iPad-Kunst anstrebt, kommt an genau dieser Entscheidung nicht vorbei. Wer sich für Digital Lettering ohne Vorkenntnisse entscheidet, lernt zunächst nur die Oberfläche kennen: welchen Pinsel man wählt, wie man die Deckkraft einstellt, wie man am Ende exportiert. Das Selbstbauen eines Pinsels ist eine Etage technischer und setzt genau dieses Grundverständnis voraus.
Bevor überhaupt ein Kurs zur Sprache kam, hatte ich mir einen PDF-Schnellkurs zu Pinsel-Einstellungen heruntergeladen, der bis heute ungedruckt im Download-Ordner liegt – zu trocken, zu abstrakt ohne eigenes Ausprobieren auf dem Bildschirm. Danach habe ich mir den Digital Lettering Kurs [Für iPad-Nutzer] angesehen, der direkt bei der Logik der App Procreate ansetzt, statt nur fertige Pinsel-Packs zu verteilen. Variante zwei – ein fertiges Set laden und einfach losschreiben – kostet dagegen kaum Einarbeitungszeit, dafür bleibt die Kontrolle über Textur und Kante spürbar begrenzt.
Was steckt technisch hinter einem selbstgebauten Procreate-Pinsel?

Ein Pinsel in Procreate setzt sich im Kern aus zwei Zutaten zusammen, die getrennt bleiben, bis sie beim Zeichnen zusammenfinden: der Shape Source, der reinen Form der Spitze, und der Grain Source, der Textur darüber. Stimmt die Textur nicht, wirkt der Strich glatt und leblos. Ist die Form zu makellos, fehlt dem Buchstaben jede Ecke und Kante.
Von einem Hahnemühle-Aquarellblock, den ich extra zum Einreiben mit Graphit kaufte, habe ich mich für diesen Zweck inzwischen verabschiedet – die Körnung war fürs Abfotografieren zu grob, winzige Schatten in jeder Pore machten jede Grain Source unbrauchbar. Welches Papier überhaupt zu welchem Stift passt, ist ohnehin ein eigenes, größeres Kapitel.
Mein erster Struktur-Pinsel sah aus wie eine Reihe explodierter Pixel, weil ich den Spacing-Regler – den Abstand zwischen den einzelnen Abdrücken der Shape Source – viel zu großzügig eingestellt hatte. Ich wollte eine raue Kante, bekam aber eine Perlenkette aus grauen Punkten, und es brauchte drei komplette Testläufe, bis klar war: weniger Abstand wirkt oft lebendiger als mehr Textur. Bei einem besonders feinen Aufstrich fühlte sich der Pinsel später so federleicht an, dass ich kurz nachsah, ob ich aus Versehen ein spiegelverkehrtes Preset erwischt hatte.
Die Streamline-Funktion, die das natürliche Zittern der Hand glättet, ist dabei Fluch und Segen zugleich – zu viel davon, und die Schrift verliert genau die Ecken, die sie beim Handlettering Kurs [Mein Haupt-Kurs] auf Papier noch hatte. Wie sich die Druckkurve eines Presets im Detail konfigurieren lässt, ist ein eigenes, größeres Thema für sich; hier reicht der Hinweis, dass Tilt, die Neigung des Stifts, am Ende über flache, satte Flächen entscheidet.
Anders als ein echter Brush Pen, dessen Spitze mit jeder Übungsseite ein Stück weicher und ausgefranster wird, nutzt sich ein digitales Preset nie ab – einer der stillen Vorteile der ganzen Bastelei. Für das Dynamics-Modul allein, das Geschwindigkeit und Deckkraft miteinander verknüpft, sollte man mit gut zehn Stunden Experimentieren rechnen, bevor Strichstärke und Tempo zueinander passen.
Standard-Brushes bringen die Buchstaben-Grundlage schneller in Form

Meine Kollegin Ursula Kettner, die samstags beim gemeinsamen Üben meist eine Dose selbstgebackener Kekse mitbringt, hält von der ganzen Regler-Bastelei herzlich wenig. Für sie zählt nur, dass eine Linie beim ersten Strich schon sitzt, und dafür reicht ihr ein solides Standard-Preset völlig aus. Anders als in einem Vektorprogramm, wo eine Linie eine mathematische Formel bleibt, rechnet Procreate pixelbasiert – ein fertiger Pinsel verhält sich deshalb von Update zu Update ein bisschen anders als erwartet, selbstgebaut oder nicht.
Was die ganze Bastelei am Ende pro Übungsstunde tatsächlich kostet, lässt sich kaum sauber beziffern, sobald man die Zeit fürs Digitalisieren von Texturen mit einrechnet. Wer ohnehin nur an der visuellen Struktur von Notizen statt an schöner Schrift interessiert ist, findet im Sketchnotes Kurs [Für Notiz-Fans] vermutlich die passendere, weniger technische Herausforderung. Fürs reine Lettering gilt dagegen: Was digital an Druck und Tempo einmal sitzt, überträgt sich spürbar zurück auf die Handgelenksbewegung mit dem echten Pinsel auf Papier.
Entscheide dich für Selbstbau nur bei diesen drei Voraussetzungen
Für Andreas Frage gibt es inzwischen eine klare Antwort, auch wenn sie unbequem ist: Selbstbau lohnt sich nur, wenn mindestens drei Dinge gleichzeitig zutreffen. Erstens steht die eigene Handschrift auf Papier schon einigermaßen fest, sodass ein neuer Pinsel sie unterstützt statt kaschiert. Zweitens gibt es einen konkreten Lieblingsstift, dessen Verhalten digital nachgebaut werden soll – ohne Vorbild bastelt man ziellos an Reglern herum. Drittens bleiben tatsächlich mehrere Abende am Stück Zeit, denn eine einzelne kurze Session reicht für kein brauchbares Ergebnis.
Fehlt eine dieser drei Voraussetzungen, bringt ein fertiges Set oder ein simpler Standard-Pinsel schneller sichtbare Ergebnisse – und genau das hat Andrea sich am Ende auch geholt, einfach weil ihr die Zeit für die Bastelei fehlte, nicht die Neugier.
Mein Fazit vom Entscheidungstisch

Meine Finger sehen nach einem Abend mit echter Tinte zuverlässig aus, als hätte ich mit einem Tintenfisch gerungen, und daran wird auch das sauberste iPad nichts ändern. Digital bauen und analog üben schließen sich für mich trotzdem nicht aus, sie beantworten nur unterschiedliche Fragen.
Die Investition in den Digital Lettering Kurs [Für iPad-Nutzer] hat sich gelohnt, weil klar ist, an welchem Regler man drehen muss, wenn ein Pinsel nicht das tut, was er soll. Für Leserinnen wie Andrea bleibt die ehrlichere Antwort trotzdem: erst die Buchstaben festigen, dann die Bastelei am Pinsel – in dieser Reihenfolge, nicht andersherum.