Handlettering Kurs mit Materialbox: Lohnt sich das Komplettpaket für Einsteiger?

Handlettering Kurs Materialbox Test: Übungsblock, Filzstifte und Anleitung für Brushlettering-Einsteiger ausgebreitet

Von zehn Faserstiften in einer Handlettering-Materialbox überlebt am Ende meist nur einer den täglichen Gebrauch, ohne dass die Spitze ausfranst. Das ist die nüchterne Beobachtung, die hinter dem großen Versprechen der Komplettpakete für Brushlettering-Einsteiger steckt, und der Grund, warum dieser Materialbox-Test kritischer ausfällt, als es die glatte Verpackung vermuten lässt. Der Mythos, der in Handlettering-Kurs-Foren hartnäckig kursiert, lautet: Wer als Anfänger alles in einer Box bekommt, umgeht die mühsame Recherche und macht ohnehin nichts falsch. Nach etlichen getesteten Sets und einem eigenen Fehlstart mit billigen Faserschreibern aus dem Discounter, deren Spitzen schon in der ersten Übungswoche ausgefranst waren, sehe ich das anders: Gerade die Papierqualität und die Stiftauswahl entscheiden, ob man sauber lernt oder sich falsche Gewohnheiten antrainiert.

Der tatsächliche Inhalt einer Handlettering-Materialbox

Ausgepackt enthält so ein Set in der Regel um die zwölf Stifte, einen Übungsblock im Format ISO 216 DIN A4 und eine kurze Anleitung. Das Papier liegt bei etwa 100 bis 120 Gramm pro Quadratmeter, für meinen Geschmack gerade noch ausreichend, mehr will ich an dieser Stelle dazu nicht bewerten.

Beim ersten Ausprobieren fällt vor allem das leise Kratzen der Filzspitze auf der glatten, beschichteten Oberfläche auf, ein Geräusch, das sich deutlich von dem einer Nylonspitze unterscheidet. Wer bisher nur auf Kopierpapier geübt hat, wird diesen Widerstand zunächst als angenehm empfinden, für den weiteren Lernweg ist genau diese Glätte aber kein Vorteil.

Filzspitze eines Brush Pens beim Abstrich auf glattem Materialbox-Papier zur Prüfung der Papierqualität

Der Denkfehler beim Komplettpaket für Brushlettering-Einsteiger

Hier liegt der eigentliche Denkfehler solcher Pakete. Die mitgelieferten Filzspitzen geben bei minimalem Druck spürbar schneller nach als eine robustere Nylonspitze, und genau das verhindert, dass die Hand die feine Abstufung zwischen dick und dünn wirklich lernt. Wie sich diese Druckkurve beim Übergang vom Abstrich zum Aufstrich anfühlen sollte, ist ein eigenes Kapitel für sich, hier reicht der Hinweis, dass ein zu weicher Stift diese Lernkurve eher verschleiert als unterstützt. Ob ein Handlettering Kurs mit Video oder PDF ohne feste Materialbindung nicht die bessere Wahl gewesen wäre, ist eine Frage, die ich mir bei jeder neuen Box wieder stelle, dort hätte ich von Anfang an mit hochwertigerem Einzelmaterial arbeiten können, statt mich erst an die Mittelmäßigkeit der Box zu gewöhnen.

Wie schnell eine Spitze überhaupt herunterkommt, unterscheidet sich von Marke zu Marke deutlich genug, um einen eigenen Verschleiß-Vergleich zu rechtfertigen, das würde hier zu weit führen. Christine Albers aus unserem Kreativ-Stammtisch, die als gelernte Buchbinderin praktisch im Schlaf weiß, welche Grammatur zu welchem Stift passt, hat mir bestätigt, dass genau die Kombination aus weicher Spitze und glattem Papier die Druckkontrolle am ehesten sabotiert. Wer ohnehin nur die Grundstruktur der Buchstaben verstehen will, kommt mit einem gewöhnlichen Fineliner und der Faux-Calligraphy-Technik ganz ohne Brush Pen erstaunlich weit, eine komplette Materialbox ist dafür nicht zwingend nötig.

Wenn das Papier beim Blending kapituliert

Kritisch wurde es, als ein Online-Kurs eine Technik mit mehreren übereinandergelegten Farbschichten verlangte. Das Papier der Box war eher auf schnelles Trocknen ausgelegt als auf Schichten und sog die Tinte auf, statt sie sauber liegen zu lassen. Statt weicher Verläufe entstanden harte Kanten, und die Oberfläche fing an, sich aufzurauen. Besonders ärgerlich war der Versuch, das Wort 'Herzlich' zu lettern: Als ich mit dem Handballen über die noch feuchte Tinte strich, zog sich ein dunkler Schatten über die ganze Übungsseite, und eine knappe Stunde Arbeit war hin.

Wie genau Papierdichte und Saugverhalten mit dem Ausbluten von Tinte zusammenhängen, würde hier zu weit führen, das ist ein Thema für einen Test, der sich ausschließlich mit Papier-Stift-Kombinationen beschäftigt. Für mich stand danach fest, dass jeder, der über die Grundtechnik hinaus will, an einem separat gewählten Handlettering Kurs für Fortgeschrittene und eigens ausgesuchtem Papier kaum vorbeikommt, statt sich auf die Box zu verlassen.

Kauft die Box, aber plant den Umstieg ein

Die ehrliche Antwort auf die Ausgangsfrage lautet: kaufen, aber mit Verfallsdatum einplanen. In der Anfangsphase, in der es nur darum geht, Grundformen zu wiederholen und ein Gefühl für Druck und Fläche zu entwickeln, ist die Materialbox ein solides, unaufgeregtes Werkzeug, man muss nicht recherchieren, man macht einfach den Deckel auf. Sobald aber Techniken wie Blending oder feine Serifen dazukommen, wird genau dieselbe Box zur Bremse, weil weder Stift noch Papier für diese Anforderungen gebaut sind. Meine Faustregel danach: Sobald die erste Spitze sichtbar franst oder eine Übung wegen des Papiers scheitert statt wegen der eigenen Hand, ist der Moment für den Wechsel zu Einzelkomponenten gekommen, nicht früher und nicht später. Wie viel Übungsvolumen es tatsächlich braucht, bis sich dieser Wechsel lohnt, ist eine andere Rechnung, die anderswo genauer aufgemacht wird, und auch wie sich einzelne Kurse strukturell unterscheiden, würde hier den Rahmen sprengen.

Woran ich selbst merke, dass sich die investierte Zeit auszahlt, hat wenig mit der Box zu tun und viel mit beiläufigen Momenten: Als eine Kollegin mich neulich in einem Meeting fragte, wie ich die Überschriften am Whiteboard so gleichmäßig hinbekomme, wurde mir klar, wie selbstverständlich die Handbewegung inzwischen abläuft. Meine Nachbarin Elisabeth Rudert würde bei der ganzen Diskussion vermutlich nur den Kopf schütteln, sie schwört ohnehin auf die Zeichenfeder statt auf Brush Pens. Für ein erstes Gefühl für die Buchstaben-Anatomie, wo ein Aufstrich beginnt und wo eine Serife sitzt, reicht das Einsteiger-Set trotzdem aus, auch wenn ich das hier nicht im Detail auseinandernehme. Wer ohnehin plant, später auf Procreate und digitale Layer umzusteigen, stellt sich die Frage nach analogem Vorüben noch einmal anders, aber auch das ist ein eigenes Thema.

Am Küchentisch bleibt es ohnehin dabei, dass irgendein Stift seine Tinte auf der Tischdecke hinterlässt, ganz gleich ob er aus der Box kommt oder einzeln gekauft wurde.